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16.11.2014 - Vorletzter Sonntag i.Kirchenjahr - 2. Korinther 5,1-10 | Drucken |  E-Mail

Predigttext Vorletzter So.i.Kirchenjahr, 16.11.2014 Gö/Volk : 2. Kor 5,1-10

1 Wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.
2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,
3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.
4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.
5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.
6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;
7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.
8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.
9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.
10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn

 

Adam, wo bist du? - Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich, denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Das war nicht immer so. Kurz zuvor galt noch: Sie waren beide nackt, der Mann und seine Frau, - und sie schämten sich nicht“. Doch ein fürchterlicher Riss ist durch die Schöpfung gegangen, - und wo eben noch unschuldige Unbefangenheit herrschte, da ist nun von Schuld zu reden, und von Scham, - auch über die Vergänglichkeit und Hinfälligkeit des Lebens.

Was eben noch rein und schön und unschuldig war, ist plötzlich verdorben, der Mensch hat sich verführen lassen, ist schuldig geworden, und er spürt das auch, er schämt sich seines Makels. War kurz zuvor noch alles „sehr gut“, so ist die gute Schöpfung Gottes nun verdorben, und Adam weiß, dass die Schönheit vergeht, er hat eine Ahnung davon bekommen, dass alles Leben wie Gras ist, das eben noch blüht, und im nächsten Moment verwelkt. Und so schämt er sich, vor Eva, und vor seinem Schöpfer und Herrn.

Ein weiter Bogen spannt sich von jener Szene im Paradies hin zu dem, was Paulus im Blick auf das Kommende zu sagen hat: „Solange wir in diesem Leben sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Wir sehnen uns danach, dass wir – wenn wir vor unsern Schöpfer treten – bekleidet und nicht nackt befunden werden.“

Denn wer nackt ist, kann nichts verstecken. Alles liegt offen zutage. Jeder Makel, jede Runzel, jede Falte. Jedes Kilo, dass wir zu viel oder zu wenig haben. All das, was nicht dem Schönheitsideal entspricht, - dem eigenen nicht und vor allem nicht dem der anderen. Nackt sind wir schutzlos, verletzlich. Alle „müssen wir offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“ - „Adam, wo bist du?“ - Ich fürchte mich, denn bin bin nackt, ausgeliefert dir, der du bis in mein Herz schaust, vor dem ich nichts verbergen kann.

So sind wir beschwert, beschwert mit dem Wissen darum, dass wir vor Gott nicht bestehen können mit unserem Lebenswerk. Beschwert mit der Scham über all das, was in unserm Leben nicht dem Schönheitsideal Gottes entspricht, nicht seinem Bild von mir, seinem Ebenbild, zu dem er mich geschaffen hat, und das ich so wenig bin. Und die Scham, die steigert sich zur Angst: Ich fürchtete mich, denn ich bin nackt.
Die Medien – allen voran das Internet – konfrontieren uns täglich mit der Welt der weiblichen Superstars der Konzertbühnen und der Laufstege, - mit einer Welt der schamlosen Nacktheit, - und ich frage mich manchmal, ob die Art und Weise, wie manche dieser „Schönheiten“ sich präsentieren, insgeheim wohl so eine Art Aufschrei ist, ein Protest gegen die Vergänglichkeit des Lebens, gegen den Verfall des Bindegewebes, - gegen die Todesverfallenheit, gegen die Knechtschaft der Vergänglichkeit, die durch die Schuld in die Welt gekommen ist – ein Aufschrei, der die Scham übertönen soll, der Versuch, der Welt und sich selbst vorzumachen: ich, ich bin dieser Knechtschaft längst entronnen. Ich muss mich nicht schämen, denn ich bin vollkommen.

Von solcher Vollkommenheit ist im Denken des Apostels nichts zu finden: Unser irdisches Haus ist keine Luxusvilla, auch keine Reihenhaushälfte, sondern eine Hütte, und die Perspektive dieser Hütte ist klar: Sie wird eines Tages abgerissen werden. Wir mögen im Laufe der Jahre das Dach reparieren, die Wände dämmen, die Fassade streichen, und was wir dieser Hütte noch alles an Schönem und Gutem gönnen wollen, - am Ende wird sie abgerissen, und das ist traurig und tut weh. Aber dann – so der Apostel – dann sind wir nicht obdachlos, unbehaust, nackt, sondern dann haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Christus ist uns vorausgegangen, die Wohnung zu bereiten, so hat er es einmal gesagt, - für uns ist also gesorgt, denn er sorgt für uns, - er lässt uns nicht im Stich. Unsere neue Heimat ist von Gott erbaut, nicht mit unseren Händen gemacht, das ist dabei das Entscheidende. Sie ist nicht Ergebnis unserer Arbeit und Mühe, sondern das Ergebnis der Fürsorge Gottes.

Adam und Eva verlieren zwar ihre Heimat im Paradies, aber auch für sie sorgt Gott, - sie gehen nicht mit ihren Röckchen aus Blättern und Zweigen hinaus ins harte Leben, sondern Gott macht ihnen Kleidung, die sie wärmt und schützt. „In diesem Leben seufzen wir und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.“

Wenn wir auf dieser Spur der Kleider bleiben, entdecken wir eine Menge: Wir entdecken jenen Sohn, der einst forsch und voller Erwartungen an das Leben das Haus seines Vaters verlassen hatte, - dann aber ganz furchtbar an diesem Leben gescheitert war, - und sich nun zutiefst schämt. Der aber keinen anderen Ausweg sieht, als zum Vaterhaus zurückzukehren und seine Schuld und sein Versagen offen einzugestehen. Nicht mehr Sohn kann und will er sein, nur Tagelöhner, damit wäre ihm schon geholfen. In der Tat: nackt und beschämt steht er mit seinem Versagen vor seinem Vater, den er so enttäuscht hat, doch der schließt ihn in die Arme, überglücklich, und lässt ihm neue Kleider anziehen, „das beste Gewand“, wie es da heißt, und Schuhe, und den Siegelring der Familie. Kleider machen Leute.

Ich denke an das Totenhemd, das uns am Ende des Lebens erwartet, schon zu Lebzeiten genäht, - weiß, weil weiß die Farbe der Auferstehung ist, - ich denke an das Taufkleid, das am Beginn des Lebens stand, jedenfalls am Beginn des Lebens als Kind Gottes. Auch das – natürlich – gehalten im Weiß der Auferstehung. „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, ihr habt Christus angezogen.“ Und so werdet ihr am Ende nicht nackt und beschämt dastehen, - ihr werdet bekleidet und nicht nackt befunden werden, eingehüllt in Christus, der unsere Nacktheit und den bitteren Lohn unserer Schuld auf sich genommen hat.

Was bedeutet das für unser Leben? Sehnsucht und Schmerz. Schmerz über ein Leben, das gezeichnet ist von der Vergänglichkeit, - die sich vielleicht eine Zeitlang überdecken lässt, - aber immer wieder durchbricht, - und sei es nur durch einen schmerzenden Ischias. Schmerz aber auch über das, was wir loslassen müssen.

So ein Abbruch ist ja eine brutale Sache. Zu sehen, wie die Hütte meines Lebens dem Erdboden gleichgemacht wird, und dass ich nichts daraus retten und mitnehmen kann - das tut weh. „Solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet werden wollen.“

Aber damit klingt auch schon die Sehnsucht an: Die Sehsucht danach, dass „das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.“ „Wir sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, ein Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“

Im Glauben wandeln wir einstweilen, und nicht im Schauen. Wir sind unterwegs, von hier nach dort, - wir sind noch nicht am Ziel. Aber Paulus spricht von „unserer Behausung“, - das klingt schon ziemlich verbindlich, ziemlich persönlich, ganz und gar nicht vage oder ungewiss. Und Gott hat uns als Unterpfand, quasi als Haustürschlüssel, seinen Geist gegeben. Der, dieser Geist Gottes, der beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben, der ist das, was aus Gottes Welt in unsere hineinragt, - und uns zieht, dem Ziel entgegen: „So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.“

Daheim sein bei dem Herrn. Das klingt ganz schön. Ankommen, nach einer langen, mühevollen Reise. Mit vielen Eindrücken und Erlebnissen, aber auch ein bisschen müde und erschöpft. Der Tisch ist gedeckt. Ich bin nicht Gast oder Fremder, sondern daheim. Und darf mich ausruhen.

Der Richterstuhl hat da irgendwie seinen Schrecken verloren, - er, der Richter, sieht an, was wir getan haben bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. Aber er selbst, der Richter, wird am Ende dafür sorgen, dass wir nicht entblößt werden, - er selbst wird Sorge tragen dafür, dass wir neu eingekleidet werden mit dem besten Gewand der himmlischen Freude – und rein dastehen, um Christi willen. Und das Sterbliche wird verschlungen vom Leben. Amen.