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5.10.2014 - Erntedankfest - 5. Mose 8,7-18 PDF  | Drucken |  E-Mail
Predigttext Erntedankfest Gö/Volk, 4.10.2014: 5. Mose 8,7-18
 
7 (Denn) der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und in den Auen fließen,
8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust.
10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.
11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst.
12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst
13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt,
14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft,
15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen
16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte.
17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen.
18 Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist's, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

Liebe Gemeinde!
Wie ein gewaltiges Bilderbuch ist das, - mit großen Panoramaseiten, die ich aufschlagen kann, - und jedes Mal sehe ich doppelseitig eine große Landschaft vor mir, - eindrücklich, jede ein einzigartiges großes Gemälde.

Ich schlage dieses Bilderbuch auf, - und finde mich zuerst wieder im Land der Sorge. Von der großen und furchtbaren Wüste ist da die Rede, - und ich sehe sie vor mir: Öde, trockene, unwirtliche und lebensfeindliche Landschaften, Orte, an denen nichts wächst, an denen man nicht leben kann. Steine, trockenes Gestrüpp, Dürre, kein Wasser weit und breit, - Durst, der sich zur Todesangst steigert, Hunger, weil es da nichts zu essen gibt für die vielen Menschen und die Tiere, die da unterwegs sind, - viele, viele Jahre lang. So fröhlich hatten sie sich aufgemacht in eine leuchtende Zukunft, in die Freiheit, so zuversichtlich, doch bald schon fanden sie sich wieder in größter Not, bedroht von allen Seiten, erst war es das Heer des Pharao, dann Hunger und Durst, und schließlich konnten unter jedem Stein, in jedem Strauch feurige Schlangen und Skorpione lauern, - ein Land der Gefahr und der Sorge.

Ich finde mich da durchaus wieder, in diesem Bild vom Land der Sorge. Ich laufe zwar nicht durch die Wüste, - aber all das, was derzeit in der Welt geschieht, versetzt mich unversehens mitten hinein in dieses Land. Wird es wieder Krieg geben? Was von ganz kurzer Zeit noch undenkbar war, ist plötzlich so nahe gerückt, - Russland und die Ukraine sind aneinander geraten, täglich sterben in den Kämpfen dort Menschen, und das ist nur ein paar Wegstunden von hier entfernt.

Von einer realen Gefahr von Anschlägen durch die IS-Terroristen lesen wir in der Zeitung, - nicht irgendwo weit weg, - sondern möglicherweise auch hier bei uns. Unberechenbar sind sie, kaum zugänglich für diplomatische Bemühungen, sie kennen offenbar nur die Sprache der Gewalt. Von Hunderttausenden von Flüchtlingen hören wir in den Nachrichten, Menschen, die alles verloren haben, - und lesen von Krankheiten, die nur auf dem Boden der Armut gedeihen, die sich ausbreiten wie die Pest im Mittelalter. Das Land der Sorge, es ist uns näher gerückt, als wir wohl je glauben wollten.

Hier taucht es allerdings nur im Rückblick auf, als Erinnerung, denn nun stehen die Israeliten ja an der Schwelle zum „gelobten“, zum versprochenen und viel versprechenden Land. Doch auch da sind sie vor der Sorge nicht sicher, denn dieses Land, das vor ihnen liegt, schien zwar fruchtbar, aber bewohnt von Riesen, wie sollten die das jemals ihr Zuhause nennen können?

In die Erinnerung mischen sich nun allerdings auch warme Töne, denn da, in der Wüste, im Land der Sorge war ja auch die Fürsorge Gottes sichtbar und spürbar geworden, Gott war da, unerwartet ließ er Wasser aus dem Felsen sprudeln, stillte mit Wachteln und Manna ihren Hunger, ließ sie nie allein, war ihnen so nahe – und sie ihm, weil sie stets vor Augen hatten, wie dringend sie ihn jeden Tag von neuem brauchten. Und so haben sie jetzt an der Schwelle zum gelobten Land auch die Hoffnung, dass ihr Gott ihnen helfen würde, das Land einzunehmen und die Riesen zu besiegen.

Nun blättere ich um, - und das Panoramabild ist ein ganz und gar anderes. Waren die Farben eben noch grau und braun, - so leuchten sie mir hier entgegen, blau, grün, rot. Ich bin im Land des Wohlstands und des Friedens gelandet. Schön ist es hier, der Weg durch die Wüste hat sich gelohnt. Früchte sehe ich, und Gemüse. Wasser in Fülle, Bäche, Flüsse und Seen, grünes Gras, - reife Felder, Getreide, Weinstöcke, Granatäpfel, Ölbäume und Honig, - und Brot genug für jeden. Von Rindern und Schafen ist da die Rede, und davon, dass es an nichts mangelt.

Aber nicht nur das, sondern hier gibt es auch Bergwerke, in denen Erz gewonnen wird, Eisen und Kupfer, - harte Arbeit zwar, aber eine Quelle von Wohlstand und technischem Fortschritt. Die Menschen ziehen nicht mehr umher, sondern werden sesshaft. Ich sehe Städte wachsen, und fühle mich zuhause, - das hier ist meine Welt, - das ist die Welt, wie ich sie kenne, eine Welt, in der an alles gedacht und alles wohl geordnet ist, mit Schulen und Krankenhäusern, mit einer Industrie, die vielen Menschen Arbeit und Brot sichert, - mit Häusern, in denen man behaglich leben kann. Straßen und Schienen, die unsere Mobilität sicherstellen, - viele gehen ihrer Arbeit nach, junge Menschen studieren oder machen eine Ausbildung, gründen Familien, erarbeiten sich Wohlstand und Zufriedenheit. Man genießt seine Freizeit, pflegt seine Hobbys, sitzt im Straßencafe, geht ins Theater oder ins Fitnessstudio, - pflegt den Garten, und fliegt oder fährt im wohlverdienten Urlaub in das Land seiner Sehnsucht – oder macht es sich zuhause gemütlich. Die Verse aus dem 5. Mosebuch sind Jahrtausende alt, aber es gelingt mühelos, unsere moderne Welt, unsere Wohlstandsgesellschaft in sie einzuzeichnen. Ganz ohne schlechtes Gewissen, einfach nur so: „Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.“

Dann blättere ich weiter, schlage die nächste Seite auf, - und finde mich in derselben schönen Welt wieder, in dem „guten Land“- mit einem Unterschied: Jetzt sehe ich, wie auch hier ein Skorpion unter seinem Stein hervorkriecht. Ich bin im Land der Versuchung gelandet. Und auch die Beschreibung dieses Landes lässt sich mühelos in unsere Zeit übertragen: „So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, so dass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst. ... Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen.“

Ich ahne, dass dieses Bilderbuch nicht irgendeine, sondern meine und deine Geschichte erzählt: Im Land der Sorge haben wir einen guten Draht zu Gott, da wissen wir, wo wir Hilfe erbitten können – und erleben es auch, wie Gott hilft. Im Land des Wohlstands und des Friedens lassen wir es uns gut gehen, und das ist auch in Ordnung: Sich satt essen und schöne Häuser bauen, Rinder und Schafe und Silber und Gold vermehren, das alles wird ja gar nicht kritisch gesehen, - kritisch wird es dann, wenn wir darüber vergessen, wem wir diesen Segen verdanken, wenn wir glauben: „Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen.“

„Hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du Gott vergisst!“ Offenbar eine tief sitzende Versuchung: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. „Hybris“ heißt das griechische Wort dafür, - zu Deutsch Übermut, Anmaßung, eine extreme Form der Selbstüberschätzung und des Hochmuts. Ganz kritisch sieht es der Philosoph Karl Popper: „Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ Es hat wohl etwas mit Maßlosigkeit zu tun, und so können wir dieser Hybris vieles zuschreiben, was unsere Welt aus dem Gleichgewicht bringt und in eine Hölle verwandelt: Die Ausbeutung der Ressourcen, die Gier, die nur den eigenen Gewinn im Blick hat, - aber nicht das Wohl aller, Egoismus, mit dem manche ohne Rücksicht auf Verluste die eigenen Interessen durchsetzen. Ich zitiere eine Pressemeldung aus dieser Woche, da hieß es: „Die Deutschen verbrauchen für ihren Lebensstil pro Jahr weit mehr als doppelt so viele natürliche Ressourcen wie ihr eigenes Land dauerhaft zur Verfügung stellen kann. Das geht aus dem "Living Planet Report" zum Zustand der Umwelt hervor, den die Umweltschutzorganisation WWF in Berlin vorgestellt hat.... Zu den Folgen von Übernutzung und damit einhergehender Umweltzerstörung gehören laut Angaben des WWF unter anderem der globale Klimawandel sowie ein Artensterben von dramatischen Ausmaßen. ... „Die Menschheit treibt ihren eigenen Planeten in einen gefährlichen Burn-Out", kritisierte der WWF.“ Folge einer Hybris, die Gott vergisst oder sich an seine Stelle setzen will.

Wir leben im Land der Versuchung: Denn wir sind vergesslich, wenn es um Gott geht. Vergesslich, wenn es darum geht, wer uns das Leben gegeben hat und noch erhält, - aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all unser Verdienst und Würdigkeit. Was gelingt, schreiben wir gern uns selber zu, - doch der Segen kommt von oben. Vergesslich, wenn es um die Grenzen geht, die Gott uns setzt, - zu unserem und seiner Schöpfung Wohl. Darum „gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist's, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.“ Amen.