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24.8.2014 - 10.So.n.Trinitatis - Römer 11,25-32 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext 10.So.n.Trinitatis, 24.8.2014 Gö/Volk: Römer 11,25-32
25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.
27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Wir beten: Herr, segne dein Wort an uns allen. Amen.

„Verehrte Fahrgäste! Wir legen einen außerplanmäßigen Halt ein, um einen schnelleren Zug passieren zu lassen. Wir bitten um ihr Verständnis.“ So könnte man das vielleicht in unsere Alltagswelt übertragen, was Paulus hier schildert. Die Leute in dem schnelleren Zug schauen dann vielleicht während des Überholens aus dem Fenster auf den stehenden und wartenden Zug, und mögen innerlich jubilieren: Hurra, wir fahren, die andern da stehen auf dem Abstellgleis! - Aber da schreitet Paulus mit aller Macht ein: Hütet euch davor, euch so über die anderen zu erheben: Sie stehen nicht auf dem Abstellgleis, sie warten nur, ihre Fahrt wird auch in wenigen Momenten weitergehen, - und dann werden sie – genau wir ihr – schließlich ihr Ziel erreichen. Nur um euretwillen stehen sie für eine Weile auf dem Wartegleis.

Und dann spricht Paulus von einem „Geheimnis“: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist.“ Nun ist es aber so, dass der Begriff des „Geheimnisses“ im Neuen Testament immer positiv besetzt ist. Er wird nicht verwendet, um etwas Negatives zu beschreiben, sondern dann, wenn es um Gottes verborgenen Heilsplan mit der Welt geht.
Die „Verstockung Israels“ kann mit dem „Geheimnis“ also nicht gemeint sein. Vielleicht kann man da eher von einem „Rätsel“ sprechen. Tatsächlich steht Paulus ja vor einem Rätsel: Was ist mit dem Volk Israel, was ist mit Gottes Volk, - warum stehen sie dem Messias, den Gott gesandt hat und auf den sie immer gewartet haben, nun ablehnend gegenüber. Und was ist mit Gottes Verheißungen? Sind die hinfällig geworden?

Für den Apostel sind das keine theoretischen Fragen: Er selbst ist ja einer aus dem jüdischen Volk, - es geht hier also auch um seine eigenen Glaubensgeschwister, Freunde und Verwandten. Er selbst war einer, der diesen Messias abgelehnt und seine Gemeinde verfolgt hat, dass sein Leben dann eine andere Wendung genommen hat, ist sicher etwas ganz Außergewöhnliches, ist aber zugleich auch der Beweis dafür, dass es möglich ist. Dennoch ringt Paulus nun darum, zu ergründen, warum Gottes Heilsplan an der Stelle nicht einfach in den Zielbahnhof einläuft, sondern scheinbar ins Stocken gerät oder gar ganz aus den Gleisen gesprungen zu sein scheint. Denn auf der einen Seite sind die Dinge so, wie sie sind, - auf der anderen Seite steht wie ein Fels in der Brandung der Satz: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ Paulus schildert das eindringlich in seiner Verteidigungsrede vor dem Statthalter Festus und dem jüdischen König Herodes Agrippa II1 in Jerusalem, der ihn dann nach Rom überstellt. Da sagt Paulus:
„Die mich von früher kennen, die wissen es und könnten es bezeugen: nach der allerstrengsten Richtung unsres Glaubens habe ich gelebt als Pharisäer. Und nun stehe ich hier und werde angeklagt wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die unsern Vätern von Gott gegeben ist. Auf ihre Erfüllung hoffen die zwölf Stämme unsres Volkes, wenn sie Gott bei Tag und Nacht beharrlich dienen. Wegen dieser Hoffnung werde ich von den Juden beschuldigt. Warum wird das bei euch für unglaublich gehalten, dass Gott Tote auferweckt? Zwar meinte auch ich selbst, ich müsste viel gegen den Namen Jesu von Nazareth tun. Das habe ich in Jerusalem auch getan; dort brachte ich viele Heilige ins Gefängnis, wozu ich Vollmacht von den Hohenpriestern empfangen hatte. Und wenn sie getötet werden sollten, gab ich meine Stimme dazu. Und in allen Synagogen zwang ich sie oft durch Strafen zur Lästerung und ich wütete maßlos gegen sie, verfolgte sie auch bis in die fremden Städte.“

Und dann erzählt er von seinem Erlebnis vor den Toren von Damaskus, wie Jesus Christus ihm erschienen ist und wie das sein ganzes Leben total umgekrempelt hat. Am Ende wird er dafür mit dem Leben bezahlen.
Soweit also das Rätsel, das Paulus zu lösen versucht: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren“ - aber nun zu dem Geheimnis: „Ganz Israel wird gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Nie hat Paulus diese Hoffnung, nein diese Gewissheit aufgegeben: „Sie mögen im Blick auf das Evangelium jetzt zwar Feinde sein; aber im Blick auf die Erwählung sind und bleiben sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

Die Frage ist ja: Warum hat Paulus eigentlich die Heidenmission zu seinem Lebensthema gemacht. Warum hat er sich darauf spezialisiert? Der Auftrag, der mit seiner Berufung verbunden war, hieß ja: „Er ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“ Da war diese Spezialisierung also nicht zwangsläufig vorgegeben, - wohl aber eine Öffnung hin zu den Heiden.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Zielsetzung des Apostels biographisch begründet ist: Mein Eifer für das Gesetz, mein frommes Leistungsdenken und der Stolz auf meine vermeintlichen Verdienste, all das hat mich zum Verfolger Christi gemacht, hat mich also zu einem Feind Gottes gemacht, - der ich doch eigentlich sein Freund und treuster Diener sein wollte. Ich habe die Liebe Gottes unterschätzt, die viel größer ist als all unsere Bemühungen, ihm nahe zu kommen. Ich habe nichts von seiner Barmherzigkeit verstanden, - davon, dass nicht das fromme Werk, sondern der Glaube der Weg ist, Gott nahe zu kommen, - weil ich davon auch nichts wissen wollte. Denn wo bleibt da das Rühmen, wo bleibt der Stolz und das gute Gefühl, besser als die anderen zu sein? Davon bleibt nichts, - und das ist auch gut so. - Aber dann ist die Tür auch für die Heiden, auch für die, die nicht Gottes erwähltes Volk sind, weit offen. Dann sind wir es ihnen schuldig, ihnen zu verkünden, dass Gott sie liebt – dass sie kommen dürfen und Gott sie nicht zurückweist.

So fühlt Paulus sich aufgrund seiner eigenen Erfahrungen und Einsichten besonders zu den Heiden gesandt, - sie einzuladen liegt ihm besonders am Herzen. Aber die Frage bleibt so zunächst unbeantwortet: Was ist mit der besonderen Erwählung des Volkes Israel?

Manche Idee hat es dazu gegeben, eine habe ich im Bild von dem vorbeifahrenden Zug angedeutet: Die Kirche sei das neue Gottesvolk, sie sei an die Stelle Israels getreten. Aber eben das lässt Paulus nicht gelten. Denn das hieße, dass Gott seine Zusage zurückgenommen hätte. Die Bibelworte, die er zitiert, Worte aus Jesaja und Jeremia, stammen aus einer Zeit, in der man genau das glauben konnte: dass Gott seine Zusage, seine Verheißung, seinen Eid, wie es manchmal auch heißt, zurückgenommen hätte.

Nicht ohne Grund. Breit wird da geschildert, wie das Volk sich immer mehr von Gott distanziert hatte, wie Unrecht und Gesetzesbruch sich ausgebreitet hatten. Wie dann schließlich Feinde über das Land gekommen waren und alles verloren schien. Tausend Gründe hätte es gegeben, jetzt zu sagen: ihr habt meinen Bund übertreten, ihr habt mich mit Füßen getreten, - jetzt kündige ich den Bund auf, ein für allemal. Doch gerade jetzt sagt Gott: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit euch, wenn ich eure Sünden wegnehmen werde.« Gerade jetzt hält er daran fest, - hält er an seinem Volk fest, - und weist einen Ausweg aus der Schuld: Der Erlöser wird kommen, - und er wird alle Sünden wegnehmen, alles, was zwischen Gott und seinem Volk steht. Denn „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich über alle erbarme, über Juden und Heiden.“ Gottes Bund mit seinem Volk ist also nicht am Ende, sondern eher wieder am Anfang, - als er dem Abraham versprach: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein ...; und in dir sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“

Philipp Melanchthon wird der Satz zugeschrieben: “Wir sollen die Geheimnisse Gottes nicht ausforschen, sondern anbeten.” Der Satz hätte Paulus gut gefallen. Was ihm vor Augen ist, spricht ja eine ganz andere Sprache als das, was er in den alten Verheißungen liest. Doch er beugt sich nicht vor den Realitäten, die vor Augen sind, sondern vor dem, was verheißen ist. Der Treue Gottes traut er mehr zu als dem trotzigen menschlichen Herzen. Und so bleibt er dabei: „Im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

Wenn wir heute nach Israel schauen, wird uns das Herz schwer, - und die eingeforderte Solidarität mag manchem auch nicht leicht fallen. Wir dürfen aber die Kategorien nicht verwechseln und vermischen, auch wenn das nicht leicht fällt: Da gibt es die politische, die viele gegen Israel auf die Straßen treibt – und offenbar auch manchen verleitet, die Grenze zum Antijudaismus oder Antisemitismus zu überschreiten. Wovon Paulus redet, ist die heilsgeschichtliche Kategorie, - und da ist für ihn deutlich: so betrachtet, - im Sinne des großen Geheimnisses des Heilsplanes Gottes, sind und bleiben wir ganz eng mit dem Volk Israel verbunden, ein für allemal. Amen.

1Apostelgeschichte 26,5ff