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3.8.2014 - 7. So. n. Trinitatis - 2. Mose 16,2-3.11-18 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext 7. So. n. Trinitatis, 3.8.2014 Gö/Volk: 2. Mose 16,2-3.11-18:
2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.
3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.
11 Und der HERR sprach zu Mose:
12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.
13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.
14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.
15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.
16 Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.
17 Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig.
18 Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

 

Liebe Gemeinde!
Mehr als drei Millionen Tonnen makelloser Lebensmittel werden jedes Jahr in deutschen Haushalten weggeschmissen. Insgesamt landen laut einer Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 jährlich knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll von Haushalten, Handel und Industrie.

Seit Beginn dieses Jahres wurden nach Angaben des italienischen Innenministers 15.000 Bootsflüchtlinge aufgegriffen, hunderttausende weitere Menschen warten auf dem afrikanischen Festland auf eine Möglichkeit, über das Meer nach Europa zu kommen. Und auch, wenn wir wissen, dass Schlepperbanden brutal und skrupellos die Not dieser Menschen ausnutzen, - wie verzweifelt müssen diese Menschen sein, die sich auf solche lebensgefährliche Abenteuer einlassen. Sie sind nur ein kleiner Teil der geschätzt 16,7 Millionen Flüchtlinge weltweit1.

Nur zwei Beispiele, die schlaglichtartig etwas über die Welt zeigen, in der wir leben, mit ihrer ganzen Ungerechtigkeit - und die auf je eigene Weise veranschaulichen, was das alte Wort „murren“ meint. Murren, das hat mit Unzufriedenheit zu tun, - aber eben auch mit dem Gefühl der Hilflosigkeit – oder der Machtlosigkeit. Es wird wohl nur wenige geben, die die massenhafte Vernichtung von Lebensmitteln gut finden, - angesichts fortbestehender Hungerkatastrophen, aber eine einfache Lösung ist eben auch nicht in Sicht. Und die Hilfe vor Ort, die es den murrenden Menschen leichter machen würde, in ihrem Land zu bleiben, statt ins scheinbar paradiesische Europa zu drängen, - bisher ist sie nicht gelungen.

Murren, das ist Genörgel, Genöle, Gejammer, das ist berechtigter Protest, Widerstand und Aufbegehren. Murren, das ist bei uns inzwischen anscheinend eine gängige Weise geworden, sich politisch oder sozial zu engagieren, wenn andere Formen nicht die erhoffte Wirkung haben. Politik als organisierte Beschwerde. Stuttgart 21, Bürgerinitiativen gegen das Aufstellen von Windrädern oder das immer noch nicht gefundene Endlager für Atommüll, - das Wort Wutbürger hat es sogar zum Wort des Jahres 2010 geschafft. "Wutbürger" stehe für die Empörung in der Bevölkerung, "dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden", hieß es damals in der Begründung.

Die Wutbürger damals in der Wüste entziehen Mose und Aaron, ihren Anführern, ihr Vertrauen: „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“

Der Verdacht, dass hier die Vergangenheit ein wenig verklärt wird, ist wohl nicht von der Hand zu weisen, - aber wie dem auch sei: ihr Murren zeigt ihre Verzweiflung, auch ihre Enttäuschung: Hatte Mose ihnen doch versprochen, sie in die Freiheit zu führen, - doch nun merken sie, dass dieser Weg sie zunächst mal in die Wüste führt, - statt der alltäglichen und lebenslangen Sklaverei erleben sie nun Unsicherheit und existentielle Angst, statt Ausbeutung Hunger, und all das hat nichts mit den Bildern von Milch und Honig zu tun, die sie in ihrer Phantasie vor sich gesehen hatten.

Aber ihr Murren ist nicht nur Anklage, sondern auch Klage in einer Situation, in der sie verloren scheinen, und weit und breit keine Lösung in Sicht ist, - Mose und Aaron jedenfalls trauen sie keine zu, - ihr Zug in die Freiheit hat sie in eine Lage gebracht, in der wohl nur noch ein Wunder sie retten kann. So ist ihr Murren – obwohl es sich gegen Mose und Aaron richtet – auch ein Hilfeschrei an Gott – und der reagiert prompt und verständnisvoll. Er hätte ihnen ja auch mangelndes Vertrauen vorwerfen können, oder Undankbarkeit – aber das tut er nicht, sondern schafft Hilfe, zeigt einen Ausweg, - Hilfe mit Ansage gewissermaßen: „Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt inne werden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.“

Wachteln und Manna, Himmelsspeise: „Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.“ Unser tägliches Brot gib uns heute. „Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.“

Gott gibt tägliches Brot, Gott gibt soviel, wie jeder braucht. Ist das das Reich Gottes? Hier hat nicht der eine viel, und der andere wenig, - hier ist nicht arm und reich, - so wie in unserer Gesellschaft, in der das reichste Zehntel der Bevölkerung über fast 60 % des gesamten Vermögens verfügt2. Von diesem Himmelsbrot hatte jeder so viel, wie er zum Leben brauchte. Ließe sich das weltweit verwirklichen, es käme der Gerechtigkeit, nach der wir uns sehnen, doch schon sehr nah. Liegt in dieser Geschichte vom Himmelsbrot also die Vision einer neuen, gerechteren Gesellschaft verborgen?
Aber was und wie viel brauche ich eigentlich? Wenn man dazu eine Umfrage machen würde, fielen die Antworten wohl sehr unterschiedlich aus. Viele junge Menschen würden wohl darauf bestehen, dass ihr Smartphone lebensnotwendig sei. Ältere würden vielleicht von der Währungsreform erzählen, und wie sie sich mit nichts als dem, was sie am Leib hatten und 40 Mark nach dem Krieg ein neues Leben aufgebaut haben. Für die Menschen dazwischen war vermutlich zeitweise ein großes Auto ein Grundbedürfnis, während junge Erwachsene heute – jedenfalls im städtischen Bereich – darauf schon wieder gern verzichten. Eine ordentliche Portion Fleisch auf dem Teller, und das möglichst jeden Tag, hätten vor einiger Zeit wohl viele für lebensnotwenig gehalten, inzwischen können viele darauf auch ganz oder zumindest weitgehend verzichten.

Ganz andere Fragen kommen inzwischen in den Blick, nicht weniger drängend: Wie viel Zeit, wie viel Zuwendung braucht ein dementer alter Mensch? Oft wird er wohl weniger bekommen, als er braucht. Aber wie viel Auszeiten von der Pflege braucht auch die Tochter oder der Sohn eines dementen Menschen? Die Bedürfnisse dieser Menschen treten in Konkurrenz, - wie schön wäre es, wenn hier für alle „Brot vom Himmel“ fiele.

Im Moment wird oft über drohende Altersarmut gesprochen. Ein Thema, bei dem das Murren vorprogrammiert ist. Im WiSo-Magazin am Montag, den 7. Juli 2014, ging es um die so genannte Renteninformation, die von der gesetzlichen Rentenversicherung jährlich verschickt wird. Dass die irreführend sei, wurde da beklagt, weil sie Bruttozahlen ausweise. Tatsächlich würden die Renten am Ende sehr viel niedriger ausfallen. Das Fazit in der Sendung: „Es wird ganz viele Leute geben, die sich mühen und rackern und die trotzdem eine Rente bekommen, die unterhalb der Grundsicherung liegt, und das haben viele bislang in dieser Dramatik noch nicht erkannt. Und das wird auch ein Stück weit verschleiert durch diese Renteninformation.“ Das Murren der Menschen, deren Renteninformation da vor der Kamera beispielhaft analysiert wurde, war unüberhörbar.

Aber noch mal: was und wie viel brauche ich eigentlich? Unsere Geschichte bietet eine feine Unterscheidung, - die wir vielleicht allzu rasch überlesen: Da heißt es: „Es hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte.“ Da gibt es offenbar einen feinen Unterschied zwischen dem, was einer glaubt, zu brauchen, und dem, was er wirklich braucht. Die einen hatten viel gesammelt, - weil sie meinten, so viel hätten sie nötig, oder so viel stünde ihnen zu. Und andere hatten weniger gesammelt. Wenn man so will, könnte man sagen: Da sind auf der einen Seite die Ehrgeizigen, oder sagen wir: die, die einen hohen Lebensstandard beanspruchen. Und da sind andere, die sind mit weniger zufrieden, - sind nicht so ehrgeizig, nicht so besitzorientiert. Und doch hat am Ende jeder, was er zum Leben braucht, nicht, was er meint, brauchen zu können. Eine gerechte Verteilung der Güter, unabhängig von der persönlichen Leistung, könnte man hier wieder finden. So eine Art „bedingungsloses Grundeinkommen“.

Ob das wirklich gemeint ist? Ob man die alte Geschichte wirklich so mit unseren modernen Fragestellungen belasten darf? Den Gedanken, dass wir von Gottes Gnade leben, unabhängig von unseren Verdiensten, spiegelt das Manna jedenfalls wieder.

Eine gerechtere Gesellschaft wäre das auch, diejenige, die sich dieses Modell zu eigen machte. Aber ob wir so viel „Gerechtigkeit“ wirklich wollen? Ob wir ein so bescheidenes Leben wirklich wollen? - Das wäre noch zu prüfen und zu fragen. Auf lange Sicht wäre unsere Welt wohl besser dran, wenn wir uns mit dem begnügten, was wir brauchen, - und nicht nach dem strebten, was wir zu brauchen meinen.

Im Vaterunser bitten wir um das „tägliche Brot“. Wenn Jesus uns einlädt: Sorget nicht – dann meint er, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass Gott für uns sorgt, für unser tägliches Auskommen. Ob uns das aber reicht? Amen.

1http://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html