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13.7.2014 - 4.So.n.Trinitatis - Römer 12,17-21 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext 4. So. n. Trinitatis Gö/Volk: Römer 12,17-21

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Liebe Gemeinde!

Längst noch nicht verdaut ist die Nachricht vom gewaltsamen Tod meines Studienfreundes und Amtsbruders und Kollegen Christoph Schorling, Pfarrer in Freiburg und Superintendent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Baden. Was geht da in mir vor? Ich bin wütend, wütend auf den Täter. Ich bin verstört, weil das ganze so sinnlos ist, und frage mich, ob Gott nicht besser auf sein Bodenpersonal aufpassen kann. - „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem“.

Für Aufregung sorgt derzeit die Spionageaffäre. Dass ein feindlicher Staat Spione einsetzt, um an geheime Informationen zu kommen, ist ja normal, von einem Freund und Partner erwartet man das eher nicht. Wie soll die deutsche Regierung darauf reagieren? Mit Gegenspionage? „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem“.

Ach Paulus“, - denke ich - „deine Gedanken sind bemerkenswert aktuell, aber taugen sie auch, um in dieser Welt zurecht zu kommen? Bietest du hier nicht die perfekte Anleitung, zum Verlierer zu werden? Wer sich nicht wehrt, wer nicht zurückschlägt, wird zum Opfer, - ist es nicht so? Was du hier von den Christen forderst, ist das nicht genau das Duckmäusertum, genau die Sklavenmoral, die Nietzsche dem Christentum vorgeworfen hat? Ist das nicht absolut weltfremd? Wie sagte schon Schiller: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“1

Ich komme damit nicht gut zurecht, im Moment. Mir fällt das schwer, diesen Sätzen des Apostels zu folgen. Aber auch die gängige Alternative macht nicht viel Sinn: Da werden drei israelische Schüler entführt und schließlich tot aufgefunden. Kurz darauf stirbt ein 16-jähriger palästinensischer Junge, offenbar bei lebendigem Leibe verbrannt. Jüdische Extremisten gestehen die Tat. Der Konflikt eskaliert seit Tagen. Von Krieg mag man noch nicht reden, - aber ist das, was da passiert, wirklich etwas anderes? Auge um Auge, Zahn um Zahn, „wie du mir, so ich dir“, - eine wirklich brauchbare Alternative ist das auch nicht.

Vielleicht lohnt es also doch, noch einmal bei Paulus nachzufragen. Und die erste Nachfrage betrifft für mich den Geltungsbereich seiner Weisungen. Da ist ganz klar: Hier geht es nicht um staatliches Handeln. Der Staat, die Regierung, hat für Ordnung zu sorgen, - und da kann der Apostel deutlich sagen: Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst, sondern sie hat – von Gott her – die Aufgabe und die Erlaubnis und sogar die Pflicht, Böses zu strafen und Straftäter zu verurteilen, - um das Wohl der Menschen zu schützen.

Offenbar gelten aber in der Kirche andere Maßstäbe. „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ Innerhalb der Kirche gilt eine andere Moral. Wenn Paulus hier aber von „niemand“ und „jedermann“ spricht, dann verstehe ich ihn so, dass er nicht nur das gemeindeinterne Verhalten der Christen untereinander beschreiben will, sondern so sollen wir als Christen uns gegenüber allen Menschen verhalten. „Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

Das ist schon innerhalb einer Gemeinde eine riesige Herausforderung. Und hat vermutlich dazu geführt, dass es gerade unter Christen oft keine wirklich gute Streitkultur gibt, dass man uns nachsagt, dass wir wenig konfliktfähig seien, - und wenn es dann mal zum Streit kommt, wir oft tatsächlich nicht sehr gut damit umgehen können, sondern eher hilflos sind. Gerade in christlichen Kreisen hat man manchmal das Gefühl, dass Aggressionen und Aversionen unter der Decke gehalten werden, - Spannungen liegen in der Luft, werden aber nicht angesprochen und bereinigt.

Was also schon innerhalb der Gemeinde keineswegs selbstverständlich ist oder leicht zu leben, das erwartet Paulus von uns nun auch gegenüber den Menschen, mit denen wir in der Gesellschaft zusammenleben, also auch gegenüber Menschen, die ganz andere Werte und Vorstellungen, Ziele und Umgangsweisen haben. Dass das nicht leicht ist, weiß er offenbar selbst, darum schränkt er es etwas ein: „Ist's möglich, soviel an euch ist...“. In der Konsequenz bedeutet das aber wohl, was schon der griechische Philosoph Platon formuliert hat, nämlich dass es besser ist, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. Und da sind wir ja auch ganz bei Jesus, wenn er lehrt: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Segnet, die euch fluchen, - und wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, die biete die linke auch dar. Wenn ihr nur zu Gleichgesinnten freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ - Ich habe diesen Teil der Bergpredigt noch nie gemocht, weil er mich völlig überfordert. Aber Jesus hat es so gelebt.

Interessant ist nun aber, dass Paulus offenbar nicht das Bild von Duckmäusern und Lämmern vor Augen hat, - die immer nur einstecken und alles erdulden, was das Böse in der Welt ihnen antut, - die in der Welt letztlich darum auch nicht zurecht kommen können, - sondern er schreibt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Das klingt ja irgendwie nach einer Strategie, das Böse zu ÜBERWINDEN. Die, die so leben, werden am Ende die Sieger sein, - das ist seine Botschaft. Aber wie soll das gehen? Ich denke, das hat viele und ganz unterschiedliche Facetten. Da ist zunächst Mal die Wirkung auf mich selbst. Schon dem Mörder Kain ruft Gott warnend zu: Die Sünde lauert vor deiner Tür, - lass dich nicht von ihr beherrschen, sondern herrsche über sie. Das klingt hier nach: Wenn ich versuche, das Böse mit Bösem zu überwinden, - dann werde am Ende nicht ich gewinnen, sondern das Böse, weil es immer mächtiger wird, - und ich dem Bild Gottes immer unähnlicher. Meine persönlichen Vergeltungskriege mögen mich kurzfristig wie einen Sieger dastehen lassen, aufs Ganze gesehen machen sie mich zu Verlierer, - weil ich mich auf diesem Wege vom Bösen überwinden lasse. Davon, vollkommen zu sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist, bin ich so meilenweit entfernt. - Das ist ein Aspekt der paulinischen Strategie.

Für einen anderen bemüht Paulus die alttestamentliche Weisheit: »Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Das ist aus dem Buch der Sprüche entlehnt, - und dieses Buch will ja Lebensweisheiten präsentieren, - hier also die Erfahrung, dass nicht nur der Feind, sondern sogar die Feindschaft überwunden werden kann, wenn der Feind merkt, dass ich Gutes und nicht Böses im Schilde führe, - dass ich ihm helfe, statt auf seinen Untergang zu lauern. So könnten Christen also tatsächlich – und sei es nur punktuell – ein neues Denken in die Welt bringen, das zum Nach-Denken anregt und die Welt hier und da verändert. In der großen Politik hat das vor Jahren als „einseitige Abrüstung“ seinen Niederschlag gefunden, ein hochriskantes Unternehmen, und doch vielleicht der einzige Ausweg aus der Rüstungsspirale, - aber das hat mit Vertrauen zu tun. Bei Paulus klingt das so: Christus ist für uns gestorben, als wir noch Feinde waren. Gott hat es riskiert, seinen Sohn zu geben, um Frieden zu machen, - aber auch er hat keine Garantie, dass wir auf dieses Friedensangebot eingehen.

Mit Vertrauen, mit Gott-Vertrauen nämlich, hat auch der letzte Aspekt zu tun, den Paulus anführt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«“ Da mutet uns der Apostel einiges zu, - auch wenn wir im Kopf wissen, dass Rache in aller Regel auch keine Lösung ist, - im Konflikt zählt ja nicht unbedingt die Vernunft, - so ein Wort wie „Rachedurst“ deutet das an.

Und nun sollen wir auf diese Rache verzichten? Das geht wohl nur, wenn wir das Vertrauen haben, dass es einen Gott gibt, der die Ordnung und das Gleichgewicht in der Welt wieder herstellt, der am Ende dafür sorgt, dass Schuld gesühnt wird.

In diesen Tagen und Wochen des Erinnerns an den Beginn des 1. Weltkriegs ist auch gelegentlich thematisiert worden, dass eben dieses Vertrauen, dieser Glaube durch die Grauen dieses Krieges zutiefst erschüttert wurde, so wie es auch durch den gewaltsamen und scheinbar sinnlosen Tod von Christoph Schorling erschüttert wird. Rachegedanken beiseite zu legen, und Gott zu vertrauen, dass er die Welt in seinen Händen hält, selbst dann, wenn wir keinen Sinn entdecken können, das ist eine große Aufgabe. Und ich glaube, das einzige, was uns da einen Weg weisen kann, ist das Kreuz Christi, - denn das steht für das Grauen und die Sinnlosigkeit, die menschliches Dichten und Trachten in der Welt anrichten, - aber es steht seit dem Ostermorgen auch dafür, dass Gott das Böse mit seiner Liebe überwindet. Amen.

1Friedrich von Schiller, Wilhelm Tell IV