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1.6.2014 - Exaudi - Römer 8,26-30 PDF  | Drucken |  E-Mail
Predigttext Exaudi, 1.6.2014 Gö/Volk: Römer 8,26-30 26 Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch. Liebe Gemeinde! „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen“ - dass gerade eben ein Buch mit genau diesem Titel erschienen ist1, legt den Verdacht nahe, dass wir es knapp 2000 Jahre nach Paulus immer noch nicht wissen. Worum es geht, sagt der Untertitel: „Über die Kunst des öffentlichen Gebets“ - es geht in diesem Buch also um das Beten nicht im stillen Kämmerlein, sondern im Gottesdienst. Paulus dagegen spricht von „unserer Schwachheit“, - und ihm geht es da offenbar nicht nur darum, eine angemessene Sprache zu finden, - die ist ja beim gottesdienstlichen Gebet immer wieder das Thema: zu steif, zu formelhaft, zu wenig mit dem alltäglichen Leben verbunden. Aber worum geht es Paulus dann? Jesus hat uns das Vaterunser gegeben, - und ist damit nicht alles geklärt? „Der Mensch, der sich nach Gott sehnt und ihn nicht finden kann; der Mensch, der von Gott bejaht werden möchte und nicht glauben kann, dass er schon bejaht ist, das ist der Mensch, zu dem Paulus spricht.“2 Vom ängstlichen Harren der Kreatur schreibt der Apostel, von einem Seufzen und sich Ängsten und Stöhnen, das daher kommt, das die Wirklichkeit unserer Welt so unsagbar weit entfernt ist von dem, wie Gott seine Schöpfung und uns mit ihr mal gemeint hat am Anfang und wie es am Ende wieder werden soll; von der Vergänglichkeit spricht er, der wir unterworfen sind, und die wir manchmal so brutal erfahren, am eigenen Leib, wenn wir merken, dass wir alt werden, - oder wenn wir hilflos zusehen müssen, wie ein Mensch, den wir lieben, elendig zugrunde geht und von uns gerissen wird. Von der Sehnsucht nach der Erlösung unseres Lebens aus dieser Knechtschaft der Vergänglichkeit weiß Paulus zu erzählen, - aber eben auch davon, dass wir aus eigener Kraft uns aus dieser Knechtschaft nicht erlösen können. Ich lese gerade noch ein anderes aufregendes Buch: „Warum ich nicht mehr glaube, - Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren“3 - da wird deutlich, dass diese Erfahrung ein Hauptgrund ist, den Glauben an einen guten und gnädigen Gott zu verlieren: das Leiden und Sterben von nahen Angehörigen, das als grausam und ungerecht empfunden wird: neben manch anderen Erfahrungen lässt das viele junge Menschen an Gott zweifeln und verzweifeln, - Gott wird fremd und fern, aus dem Glauben der Kindertage an den „lieben Gott“ ist man herausgewachsen, und ein neuer Glaube, der auch der Erfahrung von Leid und Tod standhält, lässt sich nicht finden. Dabei bleibt die Sehnsucht nach Gott, es führt nur kein Weg mehr zu ihm hin: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt“. Aber nun sagt Paulus etwas sehr merkwürdiges, nein, - so merkwürdig ist es vielleicht gar nicht. Denn schon in den Psalmen heißt es: „Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“4. Die Tränen – behaupte ich jetzt mal – sind die Gebete der Verzweifelten, derer, die Gott nicht mehr finden können, - sind Gebete, die keine Sprache finden. Und diese unausgesprochenen Gebete – so der Psalm – sind bei Gott nicht verloren, sondern er sieht und hört sie, sammelt sie, bewahrt sie. Und da ist Paulus ganz nah dran, wenn er sagt: „Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ Der Geist Gottes macht aus jeder Träne ein Gebet. Der Geist nimmt das, was wir Gott gerne sagen würden, aber nicht können, - und übersetzt es und legt es Gott ans Herz. Der Geist ist unser Anwalt vor Gottes Thron. Er vertritt uns. Er sorgt dafür, dass unsere Fragen, unsere Zweifel bei Gott gehört werden, selbst dann, wenn wir verstummen und die Sprache verloren haben. Der Geist vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Er kennt unsere Herzen – und er kennt Gottes Herz, und baut eine Brücke von Herz zu Herz. Wenn also jemand sagt: Ich kann nicht beten; ich weiß nicht, wie man betet, - oder: ich weiß nicht mehr, wie ich beten soll, - ich kann nicht mehr beten – Gott ist so weit weg, - dann darfst du ihm gerne anbieten, für ihn zu beten, seiner Sprachlosigkeit deine Stimme und deine Worte zu geben. Wir dürfen uns aber auch mit der Gewissheit trösten, dass Gott nicht fern von uns ist, - weil wir einen „Ständigen Botschafter“ bei ihm haben, - der unser Gestammel übersetzt in die Herzenssprache Gottes. Und nur, weil das so ist, kann Paulus das sagen, was er nun sagt, - eine unglaublich steile These, der man sofort widersprechen möchte, - aber wir dürfen Paulus durchaus zutrauen, dass er weiß, wovon er redet: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ „Wir wissen“ - schreibt Paulus. Nicht: Wir glauben, oder: Wir hoffen, - oder: Ich könnte mir vorstellen, vielleicht, möglicherweise ...“. Sondern: Wir wissen. Ihr wisst es, und ich weiß es. Woher weißt du das, - möchte man ihn fragen, oder: Woher sollen wir das denn wissen? - Ich meine: „Alle Dinge“. ALLE Dinge. Also nicht nur die netten. Nicht nur das, was gelingt, was glücklich macht , - oder HAPPY. Nicht nur das Schöne dient uns zum Guten, zum Besten sogar, - sondern auch das Traurige, Schwere, - das, was misslingt, was zerbricht, - was in Tausend Scherben fällt. Alle Dinge. Ich muss da an Ulrike denken, der ich diesen Vers zunächst mal - fast aus Verzweiflung – als Konfirmationsspruch mit auf den Weg gegeben habe. Sie und ihre Mutter lebten in einer unglaublich kleinen und unsäglich feuchten Wohnung. Sie waren wirklich arme Leute, der Vater hatte sie längst verlassen, die Mutter ging putzen, um sich und ihre Tochter durchzubringen. In der Kirche sah man sie selten, - ich glaube, sie hat sich geschämt. Die Tochter – Ulrike – war pummelig, keine Schönheit, und in der Schule keine Leuchte. Als sie im Konfirmandenunterricht war, lief sie ganz gut mit, aber ohne Begeisterung. Dann bekam die Mutter Krebs, - auch sie war recht pummelig, aber am Ende nur noch ein ausgezehrter Schatten ihrer selbst. Als die Tochter konfirmiert werden sollte, war die Mutter schon ein halbes Jahr tot. Verwandte haben das kleine, nicht sehr fröhliche Fest ausgerichtet. Und, wie gesagt, als Konfirmationsspruch habe ich für sie ausgesucht: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ Wie gesagt, ein Akt der Verzweiflung, - das wichtigste Wort war für mich: das „ABER“. Das wollte ich ihr mitgeben, meinen Glauben: Auch wenn alles ganz furchtbar ist, - ich glaube, dass Gott dich nicht loslässt. Dass er mit dir geht. Ob sie das damals glauben, annehmen konnte? Im Gottesdienst habe ich sie nie mehr gesehen. - Bis ich sie vor gar nicht so langer Zeit wieder sah, bei irgendeinem kirchlichen Fest, auf dem ich mit ihr am allerwenigsten gerechnet hätte. Wir haben uns kurz unterhalten, - und sie erzählte mir, dass sie in der Gemeinde einen festen Platz gefunden hätte. Die Schule hatte sie erfolgreich zuende gebracht, eine Ausbildung gemacht, sie hat eine Arbeit, die sie gern macht - und dass der Glaube ihr Stütze und Halt geworden sei. Da ist mir dieses Wort noch mal ganz nahe gerückt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ Das letzte, das mit dem „Berufen sein“, - das könnte man ja leicht für eine Einschränkung halten, für eine Auswahl: Denen, die berufen sind, denen dient auch das Schlechte in ihrem Leben zu Guten. Bei den anderen, die nicht berufen sind, - sieht das ganz anders aus. Und dann ist vollkommen klar: Wenn ich im Leben scheitere, dann gehöre ich offensichtlich nicht zu denen, die Gott berufen hat. - Aber das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Paulus sagen will. Denn in Römer 8, in diesem Kapitel, in dem wir uns gerade befinden, geht es um die Taufe. Und wenn er vom Berufensein spricht, dann wendet er sich an Getaufte, und denen, uns will er sagen: Weil du getauft bist, darum darfst du dir deiner Berufung gewiss sein. Denn dafür hast du in der Taufe das göttliche Siegel bekommen. Und darum darfst du dich mit aller Gewalt auf Gottes Zusagen werfen, - wie einer, der eine Arschbombe vom Dreimeter-Turm macht: „Die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ Euch hat er berufen. Euch hat er gerecht gemacht. Euch hat er verherrlicht. Was für uns noch in der Zukunft liegt, - davon redet Paulus so, als sei es schon passiert, so sicher ist er sich seiner Sache, unseres Heils. Nein, er redet nicht so, als sei es schon passiert, - sondern er redet von dem, was bei Gott schon längst passiert ist. Vorherbestimmt, berufen, gerecht gemacht, verherrlicht, bei Gott längst beschlossene Sache. Abgehakt, erledigt, fest gebucht und bestätigt. Durch ihn, Jesus Christus, verbürgt durch den Geist, - und besiegelt durch deine Taufe. Amen. 1Christian Lehnert (Hg.), „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen...“ - Über die Kunst des öffentlichen Gebets, Leipzig 2014 2Paul Tillich, In der Tiefe ist Wahrheit, S. 131f 3Tobias Faix, Marin Hofmann, Tobias Künkler: Warum ich nicht mehr glaube, Witten 2014 4Psalm 56,9